2024 -
EIN AUGENBLICK – UND WAS DARAUS WIRD
Eine Situation erzählen
Anlass für eine Erzählung kann ein Augenblick sein, eine winzige Beobachtung, eine Situation, etwas, dessen weiteren Verlauf wir nicht mitverfolgt haben, das uns aber auch keine Ruhe lässt. Ein solches Fragment einer Begebenheit steht nicht selten am Anfang einer Erzählung, die sich, weil uns die Wirklichkeit Fortgang und Auflösung vorenthalten hat, in jede Richtung entwickeln lässt. Wo dreht sich die Geschichte? Wie endet sie? Gut? Glimpflich? Schlecht? Katastrophal?
Beispiel: Ein ICE hält außerplanmäßig auf einem kleinen, fast menschenleeren Bahnhof. Du schaust genervt aus dem Fester, siehst vier Mädchen, die Gummihopse spielen. Eins der Mädchen beherrscht das Spiel noch nicht gut, verheddert sich, stolpert, knallt mit dem Kopf gegen das steinerne Fundament einer Bank, schreit, blutet. Die Situation erschreckt dich, du fragst dich, wie schlimm es ist und was nun geschehen wird, da fährt dein Zug weiter …
Erzählungen, besonders solche, die so beginnen, verlangen Beobachtungsgabe, Fantasie, Kühnheit, Konzentration, und manchmal werden sie auch das erste Kapitel einer längeren Prosa.
2019 - Den Schluss betreffend
Manche gute Geschichte beginnt irgendwo drinnen – oder draußen. Unser Blick fällt auf eine kleine Szene am Rande. Oder wir hören Töne, die unsere Aufmerksamkeit erregen. Die Akteure solcher Szenen können Menschen sein, Tiere, sogar Pflanzen. Oftmals erleben wir solch ein Ereignis nicht bis zum Ende mit; dann stellen wir uns später vielleicht vor, wie die Sache ausgegangen sein könnte – oder folgen einfach unseren Assoziationen. Ein Beispiel: Robert Musils kurze Erzählung „Das Fliegenpapier“. Lassen Sie uns hinausgehen, eine Spinne beobachten, einen Frosch, einen Pilzsammler, ein Klettergewächs, das unendlich langsam eine Birke erwürgt … Egal, was jeder von Ihnen entdeckt, erinnert, imaginiert. Sie sollten es beschreiben (möglichst genau, also nicht nur das Äußere der beteiligten Kreaturen), erzählen, deuten, der Situation ein Finale erfinden. Sie müssen sich nicht zwingend an real Gesichtetes halten. Wichtig ist, dass Sie sich auf etwas LEBENDES konzentrieren, darauf, was dieses (womöglich erfundene) Lebewesen tut oder was ihm geschieht. Wir schreiben literarische Skizzen quasi „nach der Natur“. Doch auf den eigenen drolligen Mops, die verspielte Miezekatze, den Wellensittich des Töchterleins und ähnlich nette Haustiere sollten wir uns nicht fokussieren, besser wären fremdere, unheimlichere Wesen. Ihrer Beschreibungsphantasie und Interpretationslust sind dabei keinerlei Grenzen gesetzt.
Katja Lange-Müller
1951 in Berlin geboren seit 1984 freischaffende Schriftstellerin, lebt in Berlin und im Schweizer Kanton Aargau.
Werke (Auswahl)
2018 Das Problem als Katalysator (Frankfurter Poetik-Vorlesungen) 2016 Drehtür (Roman) 2007 Böse Schafe (Roman) 2003 Die Enten, die Frauen und die Wahrheit (Erzählungen) 2000 Die Letzten – Aufzeichnungen aus Udo Posbichs Druckerei (Roman) 1995 Verfrühte Tierliebe (Erzählungen).
Preise (Auswahl)
2017 Günter Grass Preis 2013 Heinrich von Kleist Preis 2008 Wilhelm Raabe Literaturpreis 2005 Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor 2001 Literaturpreis des ZDF/3sat und der Stadt Mainz 1996 Berliner Literaturpreis 1995 Alfred Döblin Preis 1986 Ingeborg Bachmann Preis.
Porträtfoto: © Wikipedia (Nutzer: Udoweier)



