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Rückblick 2009 - Literatur mit Michael Lentz

Literatur


Michael Lentz

1964 in Düren geboren | Schriftsteller, Lautpoet, Literaturwissenschaftler und Musiker | Studium der Germanistik, Geschichte und Philosophie in Aachen, München und Siegen | 1999 Promotion mit der zweibändigen Dissertation »Lautpoesie/-musik nach 1945. Eine kritisch-dokumentarische Bestandsaufnahme« | 1985 1. Lyrik- und Prosaband »Zur Kenntnisnahme«, sein Debütwerk anlässlich einer öffentlichen Lesung im Leopold-Hoesch-Museum in Düren | 2001 Gewinner des Ingeborg-Bachmann-Preises 2001 | 2005 Träger des Preises der Literaturhäuser | seit 2004 Präsident der Freien Akademie der Künste zu Leipzig | seit Mai 2006 Professur für Literarisches Schreiben an der Universität Leipzig (Deutsches Literaturinstitut Leipzig) | 2007 Roman »Pazifik Exil« auf der »Longlist« des Deutschen Buchpreis 2007 

Preise und Auszeichnungen

1998 1. Preis Individual Competition National Poetry Slam | 1999 Literaturstipendium des Berliner Senats (LCB) | 1999 Literaturförderungspreis des Freistaates Bayern | 2000 Aufenthaltsstipendium Casa Baldi in Olevano bei Rom | 2001 Aufenthaltsstipendium Villa Aurora (Pacific Palisades, Kalifornien) | 2001 Ingeborg-Bachmann-Preis | 2002 Hans-Erich-Nossack-Förderpreis des BDI | 2003 Poetikdozentur Johannes-Gutenberg-Universität Mainz | 2005 Preis der Literaturhäuser | 2006 Liliencron-Dozentur Kiel | 2008 Poetikdozentur Wiesbaden

Mehr unter: www.michaellentz.com

»Als wärs ein Stück von mir.« Autobiographisches Schreiben.

»Literatur ist immer autobiographisch – oder sie ist keine«, meinte Alfred Andersch. »in meiner sprache sprech ich immer / mit einem der ich heißt«, heißt es in Wolfgang Hilbigs Gedicht »verse um an frühere zu erinnern«. Als müsse sich der Schreibende stets eines Ichs vergewissern, das nie jetzt und hier da ist: Ein Ich als Prozess. Ein mediales Ich des Schreibenden, in Korrespondenz mit einem nie in den Text einzuholenden, fremden, auch vorgeschriebenen Lebens-Ich? Ein »er« oder eine »sie« kann ein verschleiertes »Ich« sein.

Ein Text, der »ich« sagt, kann dies so unmissverständlich, so unabdingbar tun, dass etwaige Rückschlüsse auf den Autor, die Autorin immer wieder hinterfragt werden müssen. Welche Transformation(en) erlebt ein »Ich« in einem autobiographischen Text? Welche Notwendigkeit signalisiert der Text, »ich« zu sagen? Ist ein autobiographischer Text immer an konkrete Lebenssituationen gebunden, die in den Text auch Eingang finden? Welche Stra-tegien weist ein autobiographischer Text auf? Und schließlich: Muss ein autobiographischer Text immer von einem selbst handeln? Diesen und anderen Fragen soll anhand von Texten (Prosa, Gedichte, Drama/Hörspiel) der TeilnehmerInnen nachgegangen werden.

Teilnahmevoraussetzungen und Bewerbungsunterlagen

Einzureichen sind: autobiographische Prosa von bis zu 10 Seiten Länge oder bis zu 8 autobiographische Gedichte. Hörspiele (auf CD) oder Hörspielmanuskripte (Ausschnitte bis zu 10 Seiten). Die Texte müssen nicht abgeschlossen sein. Max. Teilnehmerzahl: 12

Michael Lentz, aus: Liebeserklärung. Roman.
© S. Fischer Verlag. Frankfurt a.M. 2003 

Telefonterror, sagst du. Das vormals schöne Gespräch, das sogenannte Sehnsuchtsgespräch, ist zur hässlichen Fratze geworden. Ein von Argwohn zerfressenes Vertrauen. Kurznachrichten und Gesprächsterror. Du bist von schütterer Zartheit, du bist ein kläffendes Raubtier. Du rufst an, du rufst nicht an.
Du rufst nicht an, auch wenn du sagst, du rufst an. Du rufst dann eben viel später an. Rufst du viel später an, liegen schon die Nerven blank. Du rufst nicht an, antwortest nicht. Ich gehe die Decke hoch, wie man so sagt, halte das nicht aus, melde mich nochmals, eine kurze Nachricht an dich, keine Reaktion, dann platzt mir der Kragen, wie man so zu sagen pflegt, ich rufe dich an, kann für Sekunden den Anschein erwecken, dich mal einfach nur so anzurufen, dabei ist es bereits im argen, ich habe bereits völlig die Geduld verloren, du fühltest dich kontrolliert, erwiderst du, ach ne, jetzt reichts aber, schrei ich dich an, kann dich insgeheim auch verstehen, diese Gesprächskultur ist entsetzlich, schürt Misstrauen, frisst den Magen leer. Du in Berlin. Zum Beispiel. Auf meine kurze Nachricht, ich sei um dreiundzwanzig Uhr zu Hause, ob du mir eine Nummer geben könntest, unter der du erreichbar ist, antwortest du nicht. Ich rufe dich um zweiundzwanzig Uhr und neunundfünfzig Minuten an. Mobil. Minutiöser geht’s nicht. Du gibst mir eine Nummer. Ich rufe nochmals an. »Warum hast du die kurze Nachricht denn nicht erwidert?« »Ich bin hier erst mal angekommen, bei Freunden. Wir unterhalten uns. Ich hätte dich halt um dreiundzwanzig Uhr angerufen.« »Warum hast du mir nicht kurz mitteilen können, dass du mich um dreiundzwanzig Uhr angerufen hättest?« »Weil ich dich um dreiundzwanzig Uhr angerufen hätte.« »Ich hatte dich doch um eine Nummer gefragt, unter der ich dich erreichen könnte.« »Ich musste hier erst mal ankommen.« »Und du hättest mir nicht einfach nur die Nummer mitteilen können, nach der ich dich im SMS um einundzwanzig Uhr gefragt habe?« »Ich hätte dich um dreiundzwanzig Uhr angerufen.« »Ich hatte dir doch mitgeteilt, um dreiundzwanzig Uhr zu Hause zu sein«, »um dreiundzwanzig Uhr hätte ich dich angerufen«. Und dann die Frage, ob ich eigentlich total besoffen sei. Ich war total besoffen.

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Zentrum für Weiterbildung und Wissenstransfer, Universität Augsburg
Zuletzt aktualisiert am: 12. Januar 2010