Bewerbungsschluss 19.4.19 »

Bewerbungsunterlagen:

Kurzvita, Vorlage eines Textes (oder mehrer Texte) des jeweils bevorzugten Genres, max. 10 Seiten insgesamt. Und je eine knappe Antwort auf die Fragen: Warum schreiben (und nicht besser schweigen)? Was erwarten Sie? Was versprechen Sie? Die Zahl der Teilnehmer wird auf 10 Personen begrenzt.

Sagen wir zum Beispiel: Allein in einem Text, in dem das Wort Liebe - auch das der sogenannten unglücklichen - nicht vorkommt, ist hinreichend Auskunft über die Liebe zu erhalten; was nicht bei jedem Wort der Fall sein muss. Wie steht es mit den Wörtern Krieg, Kniegelenkschmerzen, Kinderkriegen, Kunst? Also Thesen, Hypothesen, Behauptungen, Postulate. Und das, was sie zur Folge haben: Widerspruch, Austausch, Klärung. Oder nachhaltigere Verunsicherung und Sprengung. Jetzt beginnt die Arbeit. Es wird vorgelesen, besprochen, verbessert, verworfen. Es wird im Text verborgen , was er sagen "will". Es wird das Handwerk geübt und die Freiheit ins Werk gesetzt, die es im wirklichen Leben nicht gibt. Alle literarischen Genres (Prosa, Lyrik, Drama, Essay u.a.) sind zugelassen.

Textauszug

"Dass eine Frau, der ich gesagt habe, dass ich sie etwas fragen möchte, aufspringt von ihrem Stuhl, mit herzzerreißender Stimme "Nein!" schreit, mich mit weit aufgerissenen Augen anstarrt und unmittelbar darauf wie geistesabwesend hinzufügt: "Was haben Sie gesagt?" um sich mit energischem Schulterschwung abzuwenden, in die Küche zu stürzen, hinter der Küchentür zu verschwinden, mich so sitzen zu lassen, wie ich da sitze, mich warten, das Pfeifen eines Teekessels abwarten zu lassen, um mit dem Teekessel wieder hervorzutreten hinter der Tür, auf einer Küchenanrichte kochendes Wasser in eine Kanne zu schütten, den Teekessel zurückzutragen hinter die Tür, mit der von der Anrichte gehobenen Kanne in der Hand durch den Türrahmen auf mich zuzutreten, Tee durch ein zierliches Schwenksieb, in dem sich die schwarzen Blätter fangen, in eine zweite schon auf dem Tisch stehende Kanne zu schütten, die leere dann aber zurückzutragen in die Küche, wiederzukehren und vor meinen Augen mit einem Streichholz das Wachslicht in einem friesischen Stövchen aus durchbrochenem Messingblech zu entzünden, mich dabei lange eindringlich anzuschauen, das brennende Streichholz aber weiter zwischen Daumen und Zeigefinger zu halten, plötzlich dann die Hand hoch in die Luft zu reißen, das Streichholz also fallen zu lassen, um die herabsinkende Hand so im Herabsinken anzupusten, als pustete sie eine Flamme zwischen Daumen und Zeigefinger aus, und schließlich die volle Teekanne, auf die sie noch einen kleinen Deckel gesetzt hat, gedankenversunken neben das Stövchen auf den Tisch zu stellen, so dass ich, von der unerträglichen Dauer der Wahrnehmung geschwächt und schon im Glauben, alles sei so, wie ich es wahrgenommen habe, ganz außer mir und insofern in der allerbesten Ordnung der Dinge, so dass ich nahe daran bin zu weinen: das - so etwas - vergisst man nicht." aus: Brandig, Roman